Abstracts

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Konrad Fleck, Flore und Blanscheflur. Text und Untersuchungen. Berlin u.a. 2015 (Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters 143).

Der mittelhochdeutsche Roman ‚Flore und Blanscheflur‘, nur durch Angaben Rudolfs von Ems mit dem Namen eines ansonsten unbekannten Autors Konrad Fleck verbunden, erfreut sich in der germanistischen Mediävistik etwa seit Mitte der 1990er Jahre zunehmender Beliebtheit. Davor aber lag nahezu ein ganzes Jahrhundert, das 20., in dem das Fach den schwierig überlieferten, gattungsgeschichtlich problematischen und poetisch ungewöhnlichen Roman kaum beachtete. Die besonderen Probleme des ‚Flore‘ können eine so distanzierte Position kaum erklären – viel eher dürfte sie ihre Ursache darin haben, wie das 19. Jahrhundert diese Probleme teils ungelöst hinterlassen, teils effektiv verdeckt hatte. Eine mit der Neuedition verbundene umfangreiche Untersuchung wertet die vorliegenden Daten zu ‚Flore und Blanscheflur‘ grundlegend neu aus und recherchiert weitere. Nahezu alle aus dem 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart ungeprüft transportierten Handbuchangaben zu Roman und Autor – Datierung, Lokalisierung, Gattungszuordnung, intertextuelle Verbindungen – erweisen sich als ungesichert und fragwürdig. Die Untersuchung zeigt wissenschaftsgeschichtliche Konflikte auf, die zur Entstehung und Kodifizierung solcher Angaben führten und unterbreitet Neuvorschläge, unter denen vor allem der Hinweis auf die – nicht zu belegende, doch wahrscheinlichere – Frühdatierung des Romans in die Jahre um 1200 weitreichende literarhistoriographische Konsequenzen hat.
      Wichtigstes Ergebnis des Projekts aber ist mit der erstmals alle Überlieferungszeugen gemeinsam auswertenden kritischen Neuedition des Romans die Erstellung eines transparenten und benutzbaren Arbeitstextes. Er ersetzt die 1846 entstandene, schon von den Zeitgenossen wegen ihrer rigiden Konjekturalkritik vorsichtig aufgenommene editio princeps (Sommer), deren – durch besondere Umstände ihrer Entstehung bedingte – Schwierigkeiten durch einen verbreiteten unkritischen Nachdruck von 1898 (Golther) den Romantext noch für die Gegenwartsforschung vielfach verstellen. Wie schon die ältere Edition Sommers folgt auch die Neuausgabe als Leithandschrift der Heidelberger Handschrift (H) aus dem 15. Jahrhundert, für die nun eine vergleichsweise alte und gute Vorlage wahrscheinlich gemacht werden kann, und ergänzt ihren Text nötigenfalls durch die auf der gleichen Vorlage beruhende Berliner Schwesternhandschrift (B). Die älteren Fragmente (F, P) werden diesem Textzustand im synoptischen Abdruck beigegeben. Eine grundsätzliche editorische Entscheidung besteht darin, den an vielen Stellen erheblich gestört überlieferten Text zwar einerseits in Form eines diplomatischen Abdrucks der Heidelberger Handschrift zu dokumentieren, ihn aber andererseits durch Emendation und Konjektur lesbar zu machen.
      Da die französische Vorlage, ‚Floire et Blancheflor‘, in der Form, in der sie Konrad Fleck vorgelegen haben muss, nicht erhalten ist, ist dabei auch zu editorischen Zwecken ein komparatistisches Vorgehen geboten und die Position des deutschen Romans im dichten Netz der europäischen Fassungen des Stoffs zu bestimmen. Drei altfranzösische, eine mittelniederländische und eine altspanische Fassung stehen über die verlorene Vorlage in indirekter Verbindung mit Konrad Flecks ‚Flore und Blanscheflur‘ und werfen, wie auch eine frühneuhochdeutsche Prosaauflösung des mittelhochdeutschen Textes, wiederholt Licht auf schwierige Stellen der Überlieferung.

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Putzo, Christine: Narration und Diagrammatik. Eine Vorüberlegung und sieben Thesen. In: LiLi. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 44, Heft 176 (2014), Themenheft ‚Diagramm und Narration‘, S. 77–92.

[Narrative and the Diagrammatic. Preliminary Thoughts and Seven Theses.] This article proposes a view of narrative that does not depend on the traditional perspective of temporal sequence but emphasizes the spatial structure of literary narrative. Contrary to the prevalent treatment of space in narrative theory, the notion of spatiality in this context refers not to the space that is represented by the narrative (e.g. the setting and other spatial elements of the fictional world) but to the space that represents it: first, the graphic surface of the text; second, the (quasi-)spatial mental representation of its content that is produced in the process of reception. It is argued that these conditions form the primary ontological mode of narrative, whereas the temporal development of a story is an aesthetic illusion that has been specifically stimulated by the narrative conventions of approximately the past three centuries and must thus be considered a secondary effect. The diagrammatic, as a way of both depicting data and perceiving relations through spatial representation, thus forms a more adequate methodological approach to understanding narrative structure than approaches that are implicitly derived from the ‘grammar’ of narrative in the structuralist sense and its sequential logic.

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Putzo, Christine: Narrative Diagrammatik. Mit einer Modellanalyse: Die Diagrammatik des ‚Decameron‘. In: Diagramm und Text. Diagrammatische Strukturen und die Dynamisierung von Wissen und Erfahrung. Überstorfer Colloquium 2012. Hg. von Eckart Conrad Lutz u.a. Wiesbaden 2014, S. 413–450.

Taking as a starting point the seeming inconsistency of late-medieval romances notoriously ‘run wild’ (verwildert), this article is concerned with the description of an abstract form of narrative coherence that is based on the notion of the diagrammatic. In a first section, this concept is illustrated in a simplified manner by an analysis of Boccaccio’s Decameron based on two levels of spatial structure: that of the autograph Berlin manuscript (Codex Hamilton 90) and that of the recipient’s mental visualisation of the relations between the frame and the tales of the work. It is argued that the connectivity of the work as a whole depends on the perception of those two spatial representations of the plot. A second section develops this concept in a more theoretical fashion, drawing on Charles Sanders Peirce’s notion of diagrammatic reasoning as a way of perceiving relations through mental and material topological representations. Correspondingly, a view of narrative is proposed that does not depend on the traditional perspective of temporal sequence but emphasizes the spatial structure of literary narrative. It is argued that these conditions form the primary ontological mode of narrative, whereas the temporal development of a story is an aesthetic illusion that has been specifically stimulated by the narrative conventions of approximately the past three centuries and must thus be considered a secondary effect. To conclude, an interpretation in miniature of an aspect of Heinrich von Neustadt’s Apollonius von Tyrland that seems to have ‘run wild’ is undertaken from a diagrammatic perspective.

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Putzo, Christine: Daniel Sudermann als Romanleser. Spuren weltlicher Literatur des Mittelalters in einer geistlichen Büchersammlung der Frühen Neuzeit. In: Oxford German Studies 43 (2014), Themenheft ‚The German Middle Ages in the Sixteenth to Eighteenth Centuries. Reception and Transformation‘, S. 420–441
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Der Beitrag untersucht Handschriften mit weltlichen Texten, die sich aus der geistlichen Büchersammlung des Spiritualisten und Schwenckfeld-Anhängers Daniel Sudermann (1550–ca. 1631) erhalten haben oder für diese Sammlung erschlossen werden können. Anhand von Lektürenotizen Sudermanns in seinen Handschriften sowie einem kommentierten Bücherverzeichnis, aber auch anhand von inhaltlichen Bezügen der Texte untereinander werden mögliche Anziehungspunkte und konkrete Leseinteressen rekonstruiert, die Sudermann mit der Profanliteratur des Mittelalters verbunden haben könnte. Dabei erweist sich, daß Sudermann die weltliche Romanliteratur des Mittelalters entgegen der bisherigen Einschätzung durchaus gewürdigt hat. Allerdings las er sie nicht mit der Faszination an der Fiktion, die ihren mittelalterlichen Lesern zuzutrauen ist, sondern rezipierte sie im Sinne historischer Quellen, wobei zwei Interessenschwerpunkte zu identifizieren sind: Sudermann beschäftigte sich mit der fabulösen Frühgeschichte des Christentums in Indien, an die eine große Mehrzahl der aus seinem Besitz bekannten weltlichen Texte direkt oder indirekt anschließt. Daneben galt seine Aufmerksamkeit adelsgenealogischen Informationen, die er der mittelalterlichen Romanliteratur entnehmen zu können glaubte.
Den Aufsatz begleitet ein Faksimileabdruck von Sudermanns Autograph des kommentierten Bücherverzeichnisses.


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Putzo, Christine: Eine Verlegenheitslösung. Der „Minne- und Aventiureroman“ in der germanistischen Mediävistik. In: Hybridität und Spiel. Der europäische Liebes- und Abenteuerroman von der Antike zur Frühen Neuzeit. Hg. von Martin Baisch und Jutta Eming. Berlin 2013, S. 41–70.
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Längst gilt er nur noch als „Verlegenheitslösung“ (Ridder): der Begriff des „Minne- und Aventiureromans“. Als Sammelbezeichnung fasst er in der germanistischen Mediävistik eine uneinheitlich begrenzte Gruppe von Romanen des 12. bis 16. Jahrhunderts zusammen, über deren historische Zusammengehörigkeit keine Illusionen bestehen können. Der trotz artikulierten Problembewusstseins gleichbleibend rege Gebrauch des Begriffs beweist indes seinen pragmatischen Nutzen, vielleicht seinen funktionalen Wert. Andererseits ist zu fragen, ob der im wissenschaftlichen Diskurs nahezu reflexartig reklamierte Vorbehalt gegen eine Gattung oder einen Romantyp „Minne- und Aventiureroman“ nicht zum Lippenbekenntnis geworden ist, das die inhaltliche Auseinandersetzung mit tieferliegenden Problemen der Erforschung mittelalterlicher Romanliteratur ersetzt.
Der Aufsatz geht dieser Frage in mehreren Schritten nach: Er rekonstruiert zunächst die spezifischen wissenschaftsgeschichtlichen Zusammenhänge, die in den 1960er bis 1980er Jahren zur Herausbildung des Begriffs führten, zeigt dabei vergessene Tendenzen und Corpusbestandteile auf und stellt anschließend die zur Geltung gebrachten systematischen Grundlagen der Corpusbildung zusammen. Im Blick auch auf die Gattungsgeschichte des antiken Liebes- und Abenteuerromans sowie auf Kategorisierungen, die die romanistische Mediävistik an einem verwandten Corpus französischer Romane vornimmt – bzw. unterlässt – werden abschließend der potentielle heuristische Gewinn sowie die beträchtlichen heuristischen Nachteile eines höchstens systematisch, nicht aber historisch begründbaren Gattungsbegriffs „Minne- und Aventiureroman“ diskutiert. Als mögliche Alternative wird die Benennung historischer Teilkontinuitäten, etwa der des „Fürsten- und Herrschaftsromans“ um 1300 (Herweg), aufgezeigt.


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Putzo, Christine: sît ich die nôt an mir weiz. Zur narrativen Konfiguration des lyrischen paradoxe amoureux im ‚Mauritius von Craûn‘. In: Höfische Wissensordnungen. Hg. von Hans-Jochen Schiewer und Stefan Seeber. Göttingen 2012 (Encomia Deutsch 2), S. 121–135.
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Der am ehesten um 1200 entstandene ‚Mauritius von Craûn‘ gilt als Forschungsproblem. Als gemeinsamen Nenner der kontroversen Zugänge zum Text konstatiert der Aufsatz das Bemühen um eine Verbindung der rätselhaften Erzählung mit einem durch die historische Distanz verlorenen oder verwischten Sinnzusammenhang über einen textexternen missing link. Demgegenüber wird ein themen- und handlungsanalytischer Zugriff vorgeschlagen: Thema der Erzählung ist die im 12. Jahrhundert vorrangig in der Lyrik entwickelte strukturelle Figur der Hohen Minne, die ihre Ästhetik aus einem Paradox gewinnt: Die Möglichkeitsbedingung dieser in beständigem Werben bestehenden Liebe, die niemals erfüllt werden darf, ist ihre Unmöglichkeit. Seine ideelle Füllung erhält das Modell durch eine darin vernetzte Ordnung höfischer Werte wie stæte, triuwe, milte oder mâze. Diese Werte, so die These, „erzählt“ die Handlung des ‚Mauritius‘: Hier wird nicht nur der Versuch unternommen, lyrische Struktur in narrative Struktur zu verwandeln, sondern auch der, eine ins lyrische Modell eingebettete Ordnung ethischen Wissens zu narrativieren. Einzelne Figurenhandlungen erscheinen aus dieser Perspektive weniger als Bestandteile eines inhaltlichen Entwurfs mit dem Anspruch übergreifender Stimmmigkeit und dem Fluchtpunkt eines Deutungsangebots, sondern als Ausdruck verschieden graduierter Negierungen oder Positivierungen eines bestimmtes Wertes. Hierfür sprechen auch die konstanten Über- oder Unterzeichnungen der Figurenhandlungen, die als markantestes Merkmal der narrativen Faktur des Textes beschrieben werden. Die Mikroanalyse einer einzelnen Szene zeigt ferner, wie die Dichotomie von Statik und Dynamik, die schon dem lyrischen Entwurf der Hohen Minne eingeschrieben ist und die durch die Narrativierung des lyrischen Konzepts im ‚Mauritius‘ zunehmend virulent wird, in Sequenzen aufeinanderfolgender Doppelungen von Bewegung und Zustand auserzählt wird. Insgesamt lässt sich der ‚Mauritius‘ als Erprobung von Verfahren verstehen, eine idealisierte höfische Welt in Analogie zum lyrischen Modus auch im narrativen Modus zu literarisieren: als ein Stück Erzählkasuistik.


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Putzo, Christine: The Implied Book and the Narrative Text. On a Blind Spot in Narratological Theory – from a Media Studies Perspective. In: Journal of Literary Theory 6 (2012), S. 383–415.
| Abstract (lang) | | Volltext (DOI) |

The article is concerned with the formal definition of a largely unnoticed factor in narrative structure. Based on the assumptions that (1) the semantics of a written text depend, among other factors, directly on its visual alignment in space, that (2) the formal structure of a text has to meet that of its spatial presentation and that (3) these assumptions hold true also for narrative texts (which, however, in modern times typically conceal their spatial dimensions by a low-key linear layout), it is argued that, how ever low-key, the expected material shape of a given narrative determines the configuration of its plot by its author. The ‚implied book‘ thus denotes an author’s historically assumable, not necessarily conscious idea of how his text, which is still in the process of creation, will be dimensionally presented and under these circumstances visually absorbed. Assuming that an author’s knowledge of this later (potentially) substantiated material form influences the composition, the implied book is to be understood as a text-genetically determined, structuring moment of the text. Historically reconstructed, it thus serves the methodical analysis of structural characteristics of a completed text.

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Putzo, Christine: Das implizite Buch. Zu einem überlesenen Faktor vormoderner Narrativität. Am Beispiel von Wolframs ‚Parzival‘, Wittenwilers ‚Ring‘ und Prosaromanen Wickrams. In: Finden – Gestalten – Vermitteln. Schreibprozesse und ihre Brechungen in der mittel­alterlichen Überlieferung. Freiburger Colloquium 2010. In Verbindung mit Susanne Köbele und Klaus Ridder hg. von Eckart Conrad Lutz. Berlin 2012 (Wolfram-Studien 22), S. 279–330 u. Abb. 36–43.

Der Aufsatz untersucht die Faktur vormoderner Literatur als Resultat einer ihr grundlegend eingeschriebenen, aber nurmehr implizit präsenten Struktur: der visuellen Vorstellung eines Autors davon, wie sein (linearer) Text auf der (zweidimensionalen) Fläche der Buchseite und im (dreidimensionalen) Raum des Buchs präsentiert und rezipiert werden wird. Mit der These, dass diese – bewusste oder unbewusste – Vorstellung direkten Einfluss auf die Gestaltung des zumeist fern von seinem gedachten Buch überlieferten Textes, mithin auf seine Struktur, hat, soll ein bisher unbeachteter Aspekt seiner Historizität geltend gemacht und als Faktor historischer Interpretation ins Gespräch gebracht werden. Als Stellvertreter des „gedachten Buchs“, das als mentales Bild empirisch unerreichbar bleibt, werden prototypische Erscheinungsformen von Buchseiten und Büchern angeführt, die in Abhängigkeit von Faktoren wie Entstehungszeitpunkt und ‑kontext, Gattung und Sprache zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert in der Regel präzise zu beschreiben sind.
Für den Sonderfall narrativer Literatur, der der Aufsatz im engeren Sinne gilt, erweist sich die Analogie zweier Doppelstrukturen als interpretatorisches Schlüsselelement: die der sich im Handlungsverlauf sukzessive entfaltenden und doch abgeschlossenen erzählten Welt und die der linearen (seitenkontinuierlichen) und der dimensionalen (im diskontinuierlichen Zugriff realisierbaren) Ordnung des Mediums Buch. An drei Fallbeispielen in historischen Querschnitten wird demonstriert, wie das Wissen um diese zweifache Doppelstruktur und ihre Analogie die Faktur eines Erzähltextes unter unterschiedlichen medialen Rahmenbedingungen beeinflusst.

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Putzo, Christine: Laubers Vorlagen. Vermutungen zur Beschaffenheit ihres Textes – Beobachtungen zu ihrer Verwaltung im Kontext der Produktion. Am Beispiel der Überlieferungen von ‚Flore und Blanscheflur‘ und ‚Parzival‘. In: Aus der Werkstatt Diebold Laubers. Hg. von Christoph Fasbender u.a. Berlin und Boston 2012 (Kulturtopographie des alemannischen Raums 3), S. 165–196.
| Volltext (DOI) |

Der Aufsatz gilt den „Texten hinter den Texten“ der aus dem elsässischen Produktionszusammenhang um Diebold Lauber im 15. Jahrhundert überlieferten Handschriften. Dass das rekonstruktive Potential dieses im deutschsprachigen Mittelalter einmaligen Corpus einer so grossen Gruppe von Handschriften eines einzelnen Skriptoriums bisher nahezu ungenutzt blieb, wird als Resultat einer unbemerkten perspektivischen Verschränkung zweier Wissenschaftsgruppen beschrieben: Wo die Texte der Handschriften überhaupt in den Blick gerieten, geschah dies entweder aus editorisch-kritischem Erkenntnisinteresse oder, den Impulsen jüngerer kunstgeschichtlicher Lauber-Forschung folgend, auf der Suche nach bewusstem, gar gestaltendem Umgang mit dem Text durch das Lauber-Team. Beiden Zugriffen liegen diametral entgegengesetzte Begriffe von textueller „Qualität“ zugrunde, die schon auf terminologischer Ebene wiederholt zu Missverständnissen geführt haben.
Was die systematische, vergleichende Untersuchung der Texte Lauberscher Handschriften – hier anhand von Mehrfachüberlieferungen – sowohl für die Erschliessung von Informationen über den elsässischen Betrieb als auch für den Census der älteren volkssprachigen Überlieferung im deutschen Südwesten zu leisten vermag, zeigen die Beispielanalysen der Lauber-Texte von ‚Flore und Blanscheflur‘ (H, B) und ‚Parzival‘ (m, n, o). In beiden Fällen lassen sprachliche Untersuchungen und paläographische Fehleranalysen der erhaltenen Textzeugen eine Vorlage mit frühem, aus kritischer Perspektive bemerkenswert gutem – von den Lauber-Redaktoren nach diesen Kriterien gewähltem? – Text erkennen. Im Fall von ‚Flore und Blanscheflur‘ stammte mit hoher Wahrscheinlichkeit die Vorlagenhandschrift selber aus dem 13. oder spätestens frühen 14. Jahrhundert; den ‚Parzival‘-Abschriften dagegen lagen zwei verschiedene zeitgenössische Handschriften zugrunde. Erhellt wird auch der praktische Umgang mit Vorlagenhandschriften im Herstellungsprozess, der bisher im Dunkeln lag: Der Aufsatz belegt, dass in beiden untersuchten Beispielen Handschriften fremder Provenienz als Vorlagenexemplare zur wiederholten Benutzung aufbereitet und dauerhaft verwahrt wurden. Dabei müssen die laubertypischen, gliedernden Zwischenüberschriften auf einem separaten Anweisungsblatt bzw. Faszikel notiert gewesen sein. Ihre vorgesehene Positionierung wurde dem Schreiber vermutlich durch Randmarkierungen im Vorlagenexemplar angezeigt.
Besondere Umstände galten für die Vorlagen der drei erhaltenen ‚Parzival‘-Handschriften: Lauber benutzte offenbar zunächst eine den Lauber-Produkten im Typ ähnliche Bilderhandschrift, die er, da sie beschädigt war, später durch ein anderes Exemplar ersetzte. Dabei handelte es sich wieder um eine Bilderhandschrift gleichen Typs, die nun allerdings nach werkstattüblichem Verfahren über ein separates Anweisungsblatt so aufbereitet wurde, dass sich die Zahl der Illustrationen und Zwischenüberschriften erhöhte. Als wahrscheinlichste Quelle dieser zweimal verfügbaren, textlich zusammengehörenden bebilderten Handschriften ist die sogenannte ‚Werkstatt von 1418‘ auszumachen. Auch andere Hinweise deuten darauf, dass ab etwa den 1440er Jahren eine grössere Gruppe von Handschriften aus dieser älteren Produktion, deren Schwerpunkt die höfische Literatur des 13. Jahrhunderts bildete, in den Bestand Laubers geriet und dessen Programm erweiterte. Die ab dieser Phase in der jüngeren Forschung (Saurma-Jeltsch) beobachtete, scheinbar marktorientiert gezielte Neugestaltung des Programms erweist sich so möglicherweise nur als Folge einer plötzlich verfügbaren neuen Vorlagengruppe.

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Putzo, Christine: Wilhelm Ziely (‚Olwier und Artus‘, ‚Valentin und Orsus‘, 1521) und das Fiktionsproblem des frühneuhochdeutschen Prosaromans. In: Oxford German Studies 40 (2011), S. 125–152.
| Volltext (DOI) |

Wilhelm Zielys ca. 1511–21 in Bern entstandene Prosaromane ‛Olwier und Artus’ und ‛Valentin und Orsus’ nach französischer Vorlage sind bisher kaum erschlossen. Lediglich ihre Paratexte werden seit jeher registriert: Zielys Vorrede zum 1521 als Doppelausgabe erschienenen Erstdruck beider Romane sowie ein erläuterndes Schlusskapitel zu ‛Olwier und Artus’ gelten als innovative Lösungsversuche des im 16. Jahrhundert virulenten Wahrheitsproblems der Literatur und als frühe Zeugnisse für die Entwicklung modernen Fiktionsbewusstseins. Der Beitrag analysiert zunächst in systematischem Zugriff Verbindungspunkte zur neuzeitlichen Literaturästhetik und zeigt auf, daß diese Verbindungen nicht historisch sein können. In einem zweiten, historischen Zugriff untersucht er Zielys Modell im Kontext seines Gesamtwerks und stellt es in den kulturgeschichtlichen Zusammenhang der Jahre um 1520 in der alten Eidgenossenschaft. Er arbeitet die enge Anbindung der poetologischen Positionierung Zielys an den glaubensgeschichtlichen Diskurs am Vorabend der Berner Reformation heraus und wirft neue Fragen zur Auseinandersetzung mit dem Fiktionsproblem im Prosaroman, zugleich auch nach dem literaturwissenschaftlichen Zugang zu vormoderner Fiktionalität, auf.

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Putzo, Christine: Ein unbekanntes Fragment der ‚Alexandreis‘ Walters von Châtillon. In: Mittellateinisches Jahrbuch 46 (2011), S. 27–40.
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Volltext |

Das im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts entstandene Alexander-Epos Walters von Châtillon, schon im 13. Jahrhundert in den „status of a classic“ (Colker) und überdies zum Schultext avanciert, gehört zu den am reichhaltigsten überlieferten Erzähltexten der lateinischen Literatur des Mittelalters. Der Beitrag kann ausser den in der Ausgabe Colkers (1987) nachgewiesenen 209 Textzeugen 15 weitere Handschriften und Fragmente belegen und zudem einen Neufund vorstellen: Im Archiv der Bürgergemeinde Frauenfeld, Schweiz, erhielt sich als einzelnes Doppelblatt ein glossiertes Fragment des Textes aus dem späten 13. oder frühen 14. Jahrhundert. Sein Layout verrät, dass es für die begleitende Kommentierung von vornherein angelegt war und vermutlich einem Schulbuch entstammt. Die erhaltenen Scholien scheinen dem „Standardkommentar“ (Killermann) zur ‚Alexandreis‘ nahezustehen, könnten aber auch Bezüge zum Kommentar des Geoffrey de Vitry aufweisen, der in einer mit seinem Namen auktorial verbundenen, aus Rheinau stammenden Handschrift erhalten ist. In vergleichsweise dichter räumlicher und zeitlicher Nähe zu diesem Textzeugen entstand die Handschrift, aus der das neue Frauenfelder Fragment stammt: Die Untersuchung der Akte, als deren Schutzumschlag das Doppelblatt aus der ‚Alexandreis‘ diente, zeigt, dass sie sich seit dem frühen 15. Jahrhundert im jetzigen Kontext, den Beständen des heutigen Archivs der Frauenfelder Bürgergemeinde, befunden hat, das auf eine seit dem 13. Jahrhundert geführte Sammlung zurückgeht. Da zudem in Frauenfeld eine Lateinschule seit dem 14. Jahrhundert nachweisbar und schon im 13. Jahrhundert zu vermuten ist, liegt es nahe, dass der Fundort des neuen Textzeugen auch der seiner Entstehung oder doch zumindest seiner Benutzung im Unterricht war. Das Fragment bietet einen trotz schlechter Abschrift (mit häufigen Korrekturen durch den Glossator) unverkennbar guten Text, in kritischer Hinsicht dabei nur geringen Gewinn. Seine textgeschichtliche Verortung kann angesichts der nach wie vor weitgehend unaufgearbeiteten Überlieferung der ‚Alexandreis‘ nur in groben Zügen vorgenommen werden. – Mit einem durch einen kritischen Apparat erschlossenen diplomatischen Abdruck und zwei Abbildungen des neuen Fragments.

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Putzo, Christine: Mehrsprachigkeit im europäischen Kontext. Zu einem vernachlässigten Forschungsfeld inter­dis­ziplinärer Mediävistik. In: Mehrsprachigkeit im Mittelalter. Kulturelle, literarische, sprach­liche und didaktische Konstellationen in europäischer Perspektive. Mit Fallstudien zu den ‚Dis­ticha Catonis‘. Hg. von Michael Baldzuhn und C.P. Berlin und New York 2011, S. 3–34.
| Vorschau |

Mittelalterliche Mehrsprachigkeit – gemeint ist sowohl das Verhältnis von Latein und Volkssprache als auch das Nebeneinander unterschiedlicher Volkssprachen oder volkssprachiger Varietäten – ist als bedeutender Aspekt vormoderner Textkultur und Spracherfahrung bisher nicht einmal innerhalb der Einzeldisziplinen ausreichend gewürdigt und systematisch erfasst worden. Zielführend wäre ein interdisziplinärer und methodenübergreifender Zugriff. Der Aufsatz bietet als Vorstudie dazu einen systematisierenden Überblick über prägende Sprachkontaktsituationen der westeuropäischen Sprachen und Literaturen vom 7. Jahrhundert bis ins Spätmittelalter und erarbeitet eine grundlegende Typologie.
Die mittelalterliche Wahrnehmung von Sprache muss per se mit Multilingualität verbunden gewesen sein: erstens im Sinne einer fast überall gleichzeitigen Präsenz mehrerer gesprochener und geschriebener Volkssprachen, zweitens im Sinne der prinzipiellen Einbettung von Schriftlichkeit und Bildungskultur in eine anderssprachige (lateinische) Tradition, drittens im Sinne der intellektuell-mentalen Abbildung des Abstraktums „Sprache“ auf das Lateinische, also eine Sprache, die niemals Muttersprache war. Sprach-, literatur- und kulturtheoretische Konsequenzen können nur angedeutet werden: Die Auswirkungen einer solchen neurologischen Prägung auf die – von „bilingual brains“ getragenen – Textkulturen des Mittelalters könnten konzeptuelle Repräsentationen von Raum, Zeit, Emotionen oder Personalität betreffen.

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Putzo, Christine: Die Frauenfelder Fragmente von Konrad Flecks ‚Flore und Blanscheflur‘. Zugleich ein Beitrag zur alemannischen Handschriftenüberlieferung des 13. Jahrhunderts. In: ZfdA 138 (2009), S. 312–343.
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Die heute im Archiv der katholischen Kirchengemeinde Frauenfeld, Schweiz, verwahrten ältesten Fragmente von ‚Flore und Blanscheflur‘ gehören zu den bedeutendsten Zeugen der frühen mittelhochdeutschen Überlieferung. Der Aufsatz bietet eine detaillierte kodikologische, paläographische und dialektologische Untersuchung der in der neueren Forschung vernachlässigten Bruchstücke. Anhand einer genauen Autopsie der erhaltenen Reste können die materiale Struktur der ursprünglichen Vollhandschrift und auch der gestufte Prozess ihrer Makulierung rekonstruiert werden. Als ihr Besitzer im 14. Jahrhundert wird ein Frauenfelder Priester und Pfründstifter, Nikolaus Rüdiger von Messkirch, vermutet.
Anlässlich der jeweils nicht eindeutigen Datierung und Lokalisierung der Fragmente werden grundsätzliche Überlegungen zu methodischen Problemen der mediävistischen Handschriftenkunde angestellt. Die Ergebnisse betreffen vor allem zwei Punkte:
(1) Layoutmerkmale – im vorliegenden Fall: abgesetzt notierte Verse – sollten bei post quem-Datierungen nicht als Ausschlusskriterium, sondern nur als Indiz herangezogen werden; dabei sollte die Möglichkeit einer direkten Beeinflussung durch französische Vorbilder in Betracht gezogen werden, deren Layoute sich im deutschen Raum im Regelfall erst zeitlich versetzt etablieren. Exemplarisch wird ein bestimmtes Layoutmerkmal der Frauenfelder Fragmente – abgesetzte Verse mit an den rechten Rand gezogenen Reimpunkten – in seiner Belegdichte in der französischen und auch lateinischen Überlieferung seit dem 12. Jahrhundert aufgearbeitet.
(2) Bei der Kriterienbildung zur Schriftsprachenbestimmung im Gefolge besonders des ‚Historischen südwestdeutschen Sprachatlas‘ und der auf dem ‚Corpus der altdeutschen Originalurkunden‘ beruhenden Systematisierungen ist für das 13. Jahrhundert zu wenig berücksichtigt worden, dass mit der deutschsprachigen Urkundenüberlieferung das gesamte Belegmaterial erst im letzten Viertel dieses Jahrhunderts einsetzt. Für die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts, das die Entwicklung einer neuen literarischen Buchproduktion erlebte und das entsprechende graphematische Wandelerscheinungen erwarten lässt, bilden die daraus gewonnenen Sprachmerkmale keine zuverlässigen Abgrenzungskriterien. Sie sind im Einzelfall zu prüfen, wobei insbesondere im südwestdeutschen Raum aus Gründen des begrenzten Corpus Systematisierungen nur eingeschränkt möglich sind. Exemplarisch werden die Belege eines bestimmten Dialektmerkmals, des sog. „ch-Konsonantismus“, anhand der gesamten Überlieferung aus dem südwestdeutschen Raum der ersten Jahrhunderthälfte erhoben. Es erweist sich, dass dieses als spezifisch bairisch (ostoberdeutsch) geltende Merkmal auch im alemannischen (westoberdeutschen) Raum für den fraglichen Zeitraum keine Ausnahme bildet. Dabei zeichnen sich Unterschiede in den Schreibungen weltlicher und geistlicher Texte ab.

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Putzo, Christine: Komik, Ernst und Mise en page. Zum Problem der Farblinien in Heinrich Wittenwilers ‚Der Ring‘. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 246 (2009), S. 21–49.
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Der Aufsatz nähert sich dem Interpretationsproblem des ‚Ring‘, eines seit Forschungsbeginn ausserordentlich konträr diskutierten Textes, aus wissenschaftsanalytischer Perspektive. Er führt die Zersplitterung und die Extremisierung der Deutungsansätze, die die breite Forschung zu Wittenwilers Werk kennzeichnet, auf einen vergleichsweise simplen Befund zurück: die ungeklärte Frage nach dem Verhältnis von Komik und Didaktik und der Ernsthaftigkeit des lehrhaften Angebots im ‚Ring‘. Die so auf grundlegendster Ebene offen gebliebene Erfassung des Textes führt in einen interpretatorischen Leerraum, in dem die widersprüchlichsten, oft wissenschaftsideologisch begründeten Positionen Platz finden. Ihre Analyse zeigt, dass sie sich in wiederkehrende Gruppierungen ordnen.
Als Schlüsselglied sowohl der Befunddaten als auch der konträren Vernetzungen von Befund und Deutung wird die wechselnd rote und grüne Initialenlinie der Münchner Handschrift identifiziert. Als im Prolog eingeführte Markierung von Ernst auf der einen und Komik auf der anderen Seite ist sie nicht nur visueller Ausdruck des Deutungsproblems des ‚Ring‘, sondern sie hat es wegen der scheinbaren Unstimmigkeit ihrer Zuweisungen auch wesentlich bedingt. Der Aufsatz zeigt ihren bisher übersehenen Aufschluss für das Verständnis des Werks. Nimmt man die Linie als graphisches Verfahren ernst, stellt sie sich als strukturelle Markierung zum Auffinden von Text im diskontinuierlichen Zugriff dar – nicht aber, wie man sie bisher ausnahmslos verstand, als semantische Kommentierung eines laufenden, kontinuierlich zu lesenden Textes. Die strukturierende Funktion des Farbwechsels ist auf zwei Ebenen nachzuweisen: Auf Makroebene trennen seine Zuweisungen vorwiegend narrative und vorwiegend wissensvermittelnde Grosspartien des ‚Ring‘ durch eine jeweilige Grundfarbe. Auf Mikroebene wird diese Grundfarbe durch die jeweils andere Farbe durchbrochen, um formale Einschnitte wie etwa Sprecherwechsel, Ortswechsel, Handlungsneueinsätze, Beginn und Ende eines eingeschalteten Binnentextes oder einer Sentenz anzuzeigen. Dem Benutzer der autornahen Handschrift sollte so in einem ersten Schritt (makrostrukturell) ermöglicht werden, gezielt auf gewünschte Stellen des Textes zuzugreifen und ihn in einem zweiten Schritt (mikrostrukturell) schneller zu erfassen. Nicht in seiner Umsetzung, sehr wohl aber in seiner Funktion steht dieses ungewöhnliche Layout zeitgenössischen Techniken der Buchgliederung durchaus nahe. Auch im Profil der Zusammenstellung seiner Binnentexte rückt der ‚Ring‘ damit in die Nähe der im Spätmittelalter beliebten Sammelhandschriften mit Ziel einer Wissenssumme, die hier narrativ verbundenen wird. Es scheint, als möchte der ‚Ring‘ in einem ungewöhnlichen Experiment beides sein: Kompilation und Werkganzes, Wissenssammlung und Erzählwerk – Texte und Text.
Als Ergebnis einer Neuuntersuchung des Münchner codex unicus des ‚Ring‘ weist der Beitrag schliesslich darauf hin, dass auch zahlreiche Markierungszeichen am Spaltenrand formale und strukturelle Texteinschnitte anzeigen und somit die gleiche Funktion haben wie der Farbwechsel auf Mikroebene. Ein kausaler, produktionstechnischer Zusammenhang zwischen diesen Zeichen und der Verteilung des Farbwechsels ist nicht auszuschliessen, zumal beide Verfahren etwa im letzten Fünftel des Textes zunehmend zusammenfallen. Möglicherweise war nur die makrostrukturelle Funktion des Farbwechsel ursprünglich indendiert und mit der Erläuterung im Prolog bezeichnet, während seine mikrostrukturelle Funktion erst Resultat des Abschreibprozesses ist.

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Putzo, Christine: Cod. germ. 6. In: Von Rittern, Bürgern und von Gottes Wort. Volkssprachige Literatur in Handschriften und Drucken aus dem Besitz der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, hg. von Eva Horváth und Hans-Walter Stork. Kiel 2002, S. 64–67 und 136–141.
| Volltext |

Der Beitrag untersucht eine in ihrer Zusammenstellung historisch-literarischen und zeitgenössisch-historiographischen Inhalts ungwöhnliche Sammelhandschrift aus der Mitte des 15. Jahrhunderts (u.a. ‚Parzival‘ L, ‚Wigalois‘ N), als deren Schreiber, Redaktor und Besitzer sich ein nicht identifizierbarer „Jordan“ nennt. Anhand von Lagenstruktur und Quellenrekonstruktionen werden Überlegungen zu ihrer Entstehung angestellt. Erstmals nachgewiesen werden kann, dass die Mehrzahl der Texte mit zeitgenössischem Bezug in bestehender Reihenfolge einer historiographischen Vorlage entnommen sind, die auch durch die Strassburger Bearbeitung von Eberhard Windecks ‚Kaiser Sigismunds Buch‘ bezeugt wird. Damit relativieren sich nicht nur früher angestellte Überlegungen über die Sammelinteressen Jordans, sondern es entfällt zudem die gängige Lokalisierung des Codex nach Strassburg, die auf Ortsbezügen und Deiktika der betreffenden Textpartien beruhte. Dialektologische Kriterien, ein Kaufvermerk sowie verwendetes Makulaturmaterial deuten dagegen in den rheinfränkischen Raum, vielleicht nach Speyer, wo die Handschrift 1586 durch den dortigen Kammergerichtsassessor Georg Ulrich von Ende verkauft wurde. Lesenotizen des unbekannten Käufers zum ‚Parzival‘-Teil demonstrieren ein historisch-wissenschaftliches Lektüreinteresse am Text und sind ein aufschlussreiches Zeugnis für die Rezeption hochmittelalterlicher Literatur im humanistischen Diskurs.
Zwei im Spiegel des Codex makulierte hebräische Pergamentfragmente werden in einer für diesen Beitrag erbetenen judaistischen Expertise als Reste einer Tora-Rolle, wohl einer geraubten Synagogenhandschrift, identifiziert.

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